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Randnotizen

letzte Änderung 27.11.2013

Die provisorische Verwendung von Briefmarken im Nikolaew Gubernia und in Odessa 1922/1923
von Alexander Epstein (Tallinn)
übersetzt und bearbeitet von Thomas Berger (CH - Bern)


Seit meinem Artikel zu diesem Thema im Jahr 2000 [1] sind eine Reihe neuer Informationen aufgetaucht. Zunächst muss festgehalten werden, dass es falsch war, die provisorische Verwendung umgewerteter Marken der RSFSR und des Zarenreiches der Provinz (Gubernia) Odessa zuzuordnen. Diese provisorischen Verwendungen traten nämlich nicht in im Odessa Gubernia, sondern im Nikolaew Gubernia auf, das am 16. April 1920 aus dem früheren Cherson Gubernia heraus als unabhängige Verwaltungseinheit entstand, mit Nikolaew als Provinzhauptstadt. Es bestand aus den vier Kreisen (Ujezd): Dnepr, Jelisawetgrad, Cherson und Nikolaew. Allerdings wurde das Nikolaew Gubernia am 22. Oktober 1922 mit dem Odessa Gubernia (wieder-)vereinigt, das ebenfalls im April 1920 aus dem Cherson Gubernia gebildet worden war. Daher ist es angebracht, in diesem Artikel die provisorischen Verwendungen und Umwertungen im Nikolaew Gubernia und in der Stadt Odessa separat zu betrachten, zumal es Derartiges nur in der Stadt Odessa, nicht aber im umliegenden Gubernia gab.

Nr. vom Sen-
dung
von nach Frankatur amtliche
Postgebühr
Anmerkung
1A24.06.RABJelisawetgradBerlin2 x 20 Kop 400.000 Rub
Abb. 1
4A24.07.RABJelisawetgradBerlin2 x 250 Rub + 4 x 100 Rub 90 Rub
Ebay
4B07.08.RABNikolaewBerlin3 x 250 Rub (Kontrollstempel) + 15 Kop90 Rub
Abb.2
7A21.08.RAB NikolaewNew York250 Rub + 2 x 100 Rub (Kontrollstempel) + 3 x 15 Kop90 Rub
Abb.3 (eBay)
7B21.08.EABNikolaewUSA4 x 100 Rub + 5 Kop + Nachporto 45 Rub
(eBay)
8A30.08.RABBobrinetsLiepaja4 x 250 Rub einschl. Lokalgebühr 10 Rub90 Rub
[2]
9A11.09.RABNikolaewBerlin3 x 250 Rub (Kontrollstempel) + 15 Kop90 Rub
Abb.4
11A23.09.RABNikolaewBerlin3 x 250 Rub + 2 x 100 Rub (alle mit Kontrollstempel)90 Rub
(eBay)
11B26.09.EABNikolaewBerlin250 Rub + 2 x 100 Rub (Kontrollstempel) + Nachporto45 Rub
(R.T.)
12A05.10.RABNikolaewBerlin3 x 250 Rub + 2 x 100 Rub90 Rub
[3]
16A16.10.RABNikolaewD 3 x 250 Rub + 2 x 100 Rub90 Rub
(M.S.)
17A?.10.RAB JelisawetgradBerlin100 Rub90 Rub
Abb.5
19A20.10.EABJelisawetgradBerlin100 Rub + Nachporto150 Rub
(M.K.)
19B21.10.EABJelisawetgradBerlin100 Rub + Nachporto150 Rub
(M.K.)
22A04.11.EABChersonBerlin1000 Rub + 2 x 250 Rub 150 Rub
(R.W.)
24A24.11.EABChersonBerlin1000 Rub + 2 x 250 Rub150 Rub
Abb.6
24B24.11.RABJelisawetgradBerlin2 x 100 Rub300 Rub
Abb.7 (M.K.)
24C25.11.RABOtschakowUSA3 x 1000 Rub300 Rub
(eBay)
2801.12.EABNikolaewD1000 Rub + 20 Kop + 2 x 15 Kop + Nachporto "100"150 Rub
(R.W.)
2909.12.RABNowo-PoltawkaUSA3 x 1000 Rub 300 Rub
(R.W.)
3004.01.RABNikolaewBerlin250 Rub (Kontrollstempel) + 15 Kop + 250+(250) Rub7 Rub (1923)
Abb.10 (eBay)
Anmerkungen:
Beleg Nr. 30 ist aus dem Jahr 1923, alle anderen aus dem Jahr 1922
Sendung: EAB - einfacher Auslandsbrief, RAB - eingeschriebener (registrierter) Auslandsbrief,
Tabelle 1: Übersicht Belege




Nikolaew Gubernia
Mir sind jetzt 21 weitere, in der Tabelle 1 auf der Seite zuvor aufgeführte Belege bekannt. Insgesamt sind es nun 48. Der Aufbau dieser Tabelle ist identisch zu Tabelle 1 in [1]. Um Änderungen in der Nummerierung der ursprünglichen, chronologisch aufgebauten Tabelle zu vermeiden, wurden den Nummern der neu gefundenen Belege ein Buchstabe angehängt. Wie aus Tab. 1 hervorgeht, wurde in der Nikolaew Gubernia im Vergleich zur Publikation im Jahr 2000 [1] eine weitere Marke lokal umgewertet und zwar der 1000 Rub.-Wert der Freimarkenserie der RSFSR von 1921.
Abb. 1: R-Brief Jelisawetgrad nach Berlin vom 24.06.1922, Frankatur 40 Kop., amtliche Postgebühr 400.000 Rub.

Abb. 2: Rückseite eines R-Briefes Nikolaew nach Berlin vom 07.08.1922,
Frankatur 3 x 250 Rub. mit Kontrollstempel + 15 Kop., amtliche Postgebühr 90 Rub.

Abb. 3: R-Brief Nikolaew nach New York vom 21.08.1922, Frankatur 250 Rub. + 2 x 100 Rub. mit Kontrollstempel + 3 x 15 Kop,
amtliche Postgebühr 90 Rub.

Abb. 4: R-Brief Nikolaew nach Berlin vom 11.09.1922, Frankatur 3 x 250 Rub. mit Kontrollstempel + 15 Kop, amtliche Postgebühr 90 Rub.

Abb. 5: R-Brief Jelisawetgrad nach Berlin vom Oktober 1922, Frankatur 100 Rub., amtliche Postgebühr 90 Rub. Marke erst in Berlin entwertet.

Abb. 6: Brief Cherson nach Berlin vom 24.11.1922, Frankatur 1000 Rub. + 2 x 250 Rub., amtliche Postgebühr 150 Rub.

Abb. 7: R-Brief Jelisawetgrad nach Berlin vom 24.11.1922, Frankatur 200 Rub. amtliche Postgebühr 300 Rub.
(Sammlung M. Kuhn).

Weiterhin haben auch die neu entdeckten Belege bestätigt, dass es zwei Typen von Kontrollstempeln in Nikolaew gab, um 100 Rub.- und 250 Rub. RSFSR-Freimarken umzuwerten: Einen grösseren Gummistempel in grau-violetter Farbe, wahrscheinlich ein offizieller Stempel des Post- und Telegraphenamtes (Typ 1) und ein kleinerer Metallstempel in schwarz, der wahrscheinlich in das Wachs von Wertbriefen gedrückt wurde (Typ 2). Während Typ 1 auf zahlreichen Belegen ins Ausland zu finden ist, kennt man Typ 2 nur von zwei Belegen, einmal auf einer 100 Rub.-, einmal auf einer 250 Rub.-Marke. Beide Handstempel wurden auf dem intakten Markenbogen in der Mitte eines Viererblocks abgeschlagen, auf einer Einzelmarke sieht man also nur einen Eckrandstempel. Da es keine Belege mit kompletten Viererblöcken mit diesen Handstempeln auf Beleg gibt, sind nach meiner Kenntnis maximal nur die Hälfte des Abschlags von Typ 1 auf einem Paar (Abb. 8) bzw. nur ein Viertel des Abschlags von Typ 2 bekannt (Abb. 9).

Abb. 8a: Paar 250 Rub. mit Kontrollstempel Typ 1
Abb. 8b: 100 Rub. mit Kontrollstempel Typ 1
Abb. 9: 100 Rub. mit Kontrollstempel Typ 2

Beide Typen haben anscheinend die Marken unterschiedlich umgewertet. Der Typ 1 Handstempel findet sich nur auf Belegen ins Ausland, die dementsprechend mit Auslandstarifen frankiert wurden. Die 100 Rub.- und 250 Rub.- Freimarken (MiNr. 156 und 158) wurden in 100.000 alte Rubel = 10 neue Rubel von 1922 bzw. 250.000 alte Rubel = 25 neue Rubel von 1922 umgewertet. Es ist offensichtlich, dass die gleichen Marken ohne Handstempel auf Auslandspost aus Nikolaew ebenso umgewertet wurden, ohne dass dies sichtbar gemacht wurde. Das einzige Beispiel einer 100 Rub.-Freimarke mit Typ 2-Handstempel befindet sich auf einem Inlandsbrief (Beleg 3 in [1]), frankiert mit 50.000 alten Rubeln = 5 neuen Rubel von 1922. Eine 250 Rub.-Marke mit Typ 2 wird später diskutiert. Die kaiserlichen Wappenmarken zu 15 Kop. und 20 Kop. (MiNr. 71A und 72 A) wurden in Nikolaew ebenfalls umgewertet, ohne dass ein Handstempel abgeschlagen wurde und zwar zu 150.000 alte Rubel = 15 neue Rubel von 1922 bzw. 200.000 alte Rubel = 20 neue Rubel von 1922.
Die 1000 Rub.-Marke aus der Freimarkenserie von 1921 (MiNr. 161) wurde auf gewöhnlicher und eingeschriebener Post ins Ausland aus Nikolaew und anderen Orten der Nikolaew Gubernia (Cherson, Nowo-Poltawka, Otschakow) zu Beginn des November 1922 nach einer weiteren Erhöhung der Auslandstarife verwendet und auf 100 Rub. umgewertet. Diese Marke kennt man nicht mit Kontrollstempeln. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese 1000 Rub.-Marken bereits früher mit anderen Marken umgewertet wurden und z. B. auf Geldanweisungen oder Paketkarten verwendet wurde, wobei derartiges Material bisher nicht aufgetaucht ist.
Abb. 10: Brief Nikolaew nach Berlin vom 04.01.1923, Frankatur 250 Rub. mit Kontrollstempel + 15 Kop. + 250+(250) Rub.,
amtliche Postgebühr 7 Rub.

Betrachten wir nun die Frankatur Nr. 30 in Tabelle 1 (Abb. 10), einen eingeschriebenen Brief vom Januar 1923 nach Berlin, der nach dem neuen Tarif vom Beginn des Monats von 7 Rub. frankiert worden war. Die 250 Rub. - Marke auf diesem Beleg wurde mit einem Typ 2 Handstempel umgewertet, das einzige Beispiel auf dieser Marke und die zweite Verwendung dieses Typs überhaupt. Den neuen Wert kann man nur ermitteln, wenn man d en Nominalwert der restlichen Frankatur kennt. Die 15 Kop.-Freimarke der kaiserlichen Wappenserie hatte einen Wert von 15 Rubel von 1922 = 1,50 Rubel von 1923. Welchen Wert hatte aber die Zu-schlagsmarke (MiNr. 170a)? Die gleiche Fran-katur kennt man bereits von Beleg 3 in [1] vom Juni 1922, zuerst von Irmann-Jakobsen [2] be-schrieben, wobei die 250 Rub. - Marke keinen Kontrollstempel trug. Auf diesem Beleg waren die umgewerteten Freimarken zu 250 Rub. und 15 Kop. allerdings ausreichend, um den dama-ligen Tarif von 400.000 Rub. zu begleichen. Die Zuschlagsmarke mit einer Nominale von 250 Rub., die im Juni 1922 anscheinend noch nicht umgewertet war, trug fast nichts zur Frankatur bei. Im Falle des Belegs Nr. 30 in diesem Beitrag scheint allerdings jede Marke umgewertet geworden zu sein. Man könnte z. B. annehmen, dass die Zuschlagsmarke auf 5 Rub. von 1923 umgewertet worden war, die 250 Rub. - Freimarke könnte einen Wert von 50 Kop. von 1923 = 5 Rub. von 1922 haben und zusammen mit der 15 Kop. - Freimarke (= 1,50 Rub. von 1923) würde dies den 7 Rub.-Tarif ergeben. Diese Annahmen können natürlich nicht bewiesen werden, da es kein weiteres Material gibt.

In Jelisawetgrad wurden keine Handstempel verwendet, die eine Umwertung anzeigten. Die 100 Rub.- und 250 Rub.-Freimarken der RSFSR wurden anscheinend wie in Nikolaew zu 10 Rub. bzw. 25 Rub. von 1922 umgewertet und bis Oktober 1922 so eingesetzt. Eine Verwendung der 15 Kop.-Freimarken des Zarenreiches ist aus Jelisawetgrad selber nicht bekannt, aber aus Alexandrija im Kreis Jelisawetgrad (Beleg Nr. 19 in [1], Verwendung von 10 Werten der 15 Kop.-Marke). Da es in Jelisawetgrad anscheinend keine 1000 Rub.-Marken gab, wurden die vorhandenen Werte zu 100 Rub. bereits im Oktober 1922 erneut umgewertet. Auch der Nennwert der 250 Rub. Marke wurde in November anscheinend verzehnfacht, er betrug jetzt wieder 250 Rub., aber in Rubel von 1922 (Beleg 26 in [1]). Dieser einzige Beleg wurde vom Absender in Übereinstimmung mit dem gültigem 300 Rub.-Tarif frankiert.

Die Umwertung der 100 Rub.-Marke scheint komplizierter gewesen zu sein. Man findet Verwendungen in diesem Zeitraum mit einem neuen Nennwert zwischen 50 und 150 Rub., je nach Bedarf also variabel, teilweise sogar auf demselben Beleg (z. B. Beleg 18 in [1]). Tabelle 2 fasst die momentanen vorläufigen Schlüsse aus dem vorhandenen Material zusammen. Diese mögen sich natürlich mit neuem Material ändern, insbesondere wenn Material innerhalb Russlands auftaucht oder Geldanweisungen und Paketkarten.

 Umgewertet auf / in:
 Nikolaew und Cherson mit umgebenden KreisenJelisawetgrad mit umgebendem Kreisen
Nominale und MiNr.Kontroll- Stempel Typvor Juli 1922 (alte Rubel)Juli 1922 bis Dez. 22 (Rubel von 1922)nach Dez 1922 (Rubel von 1923)Vor Juli 1922 (alte Rubel) Juli 1922 bis Okt./Nov. 1922 (Rubel von 1922) Okt./Nov. bis Dez 1922 (Rubel von 1922)
15 Kop (71A)-150.000151.50150.00015 15
20 Kop (72A)-200.00020?200.000 20 20
100 Rub (156)1100.000--- - -
-"- 250.0005?- - -
-"- -100.00010-50.000 bis 100.000 5-10 50-100
250 Rub (158)1250.00025-- - -
-"- 250.000 (?)5 (?)0.50 (?)- - -
-"- -250.00025-250.000 25 250
1000 Rub (161)-?100 (ab Nov. 22)?- - -
250+ (250) Rub (170a)--5(?)-- - -
Tabelle 2: Umbewertungen Marken



Marken ohne Kontrollstempel stellen gewöhnliche lokal umgewertete Marken dar, ähnlich den landesweit umgewerteten Marken (Wappenmarken im März 1920 und April 1922 oder Postsparmarken und Kontrollmarken im August 1921). Marken mit Kontrollstempel hingegen stellen wirklich Lokalmarken dar, die in Katalogen aufgeführt werden müssten. Im Michelkatalog müsste die Beschreibung ähnlich wie bei den Minsk-Lokalausgaben folgendermaßen aussehen:

Nikolaew 1922. Freimarken MiNr. 156 und 158 mit violettem oder grauem bzw. schwarzem Handstempel-Aufdruck eines runden Kontrollstempels in zwei Grössen auf Einheiten von 4 Marken.

a = Aufdruck violett/grau (Typ 1, Ø = 42 mm)
1
(100000 R)
auf 100 R gelb
2
(250000 R)
auf 250 R violett

b = Aufdruck schwarz (Typ 2, Ø = 20 mm)
3
(50000 R)
auf 100 R gelb
4
(50000? R)
auf 250 R violett



Stadt Odessa
Eine Postkarte mit in Odessa umgewerteten Freimarken der 1921er Serie (MiNr. 156) ist als Nr. 1 in Tabelle 1 in [1] aufgelistet. Dort wurden sieben 100 Rub.-Marken zehnfach aufgewertet, um den gültigen 7000 Rub.-Tarif zu erreichen. Es existiert zudem ein R-Brief von Odessa nach Berlin vom 12.4.1922 (Abb. 11). mit RSFSR - Freimarken des Jahres 1922 zu 22.500 Rub. (MiNr. 179) und zwei Werten zu 7500 Rub. (MiNr. 177) sowie zehn Werten zu 250 Rub. (MiNr. 158). Da der Auslandstarif für einen Einschreibebrief zu diesem Zeitpunkt 60.000 Rub. betrug, müssen die 250 Rub.-Marken auf 2500 Rub. umgewertet worden sein. In diesem Falle hatte die Gesamtfrankatur einen Wert von 62.500 Rub., also war eine 250 Rub.-Marke zu viel verklebt worden. Auch Irmann-Jakobsen [2] erwähnt einen Brief nach Australien, dessen Frankatur nur bei einer 1:10 Aufwertung der 250 Rub.-Marken erklärt werden kann. Allerdings nennt er nicht den Abgangsort.

Abb. 11: Brief Odessa nach Berlin vom 12.04.1922, Frankatur 10 x 250 Rub. + 7500 Rub. + 22.500 Rub., amtliche Postgebühr 60.000 Rub.

Es gibt Hinweise, dass auch die grossformatigen Kontrollmarken und die Postsparmarken, die durch die zentrale Postverwaltung im August 1921 als Freimarken mit einem Nennwert von 250 Rub. zugelassen worden waren, in Odessa weiter umgewertet wurden. Auf der einen Seite existieren eingeschriebene oder gewöhnlich versandte Belege aus Odessa, als die Auslandstarife im April 1922 drastisch auf 200.000 bzw. 400.000 Rub. erhöht worden waren. Sie tragen Freimarken mit relativ geringen Nennwerten und zusätzlich neue Freimarken mit hohen Nominalen und Kontrollmarken mit ihrem offiziellen Wert von 250 Rubel. Es gibt aber auch Belege, die darauf hindeuten, dass Kontroll- und Postsparmarken in Odessa im April 1922 lokal anders umgewertet wurden, als von der zentralen Postverwaltung vorgeschrieben. Abb. 12 zeigt eine eingeschriebene Postkarte aus Odessa nach Deutschland vom 11.4.1922, die mit einem Paar der 1 Rub.-Kontrollmarken (MiNr. 132) und zusätzlich einer Freimarke von 1922 zu 22.500 Rub. (MiNr. 179) und einer überdruckten Freimarke 5000/2 Rub. (MiNr. 172a) frankiert worden war. Der offizielle Tarif von 48.000 Rub. kann nur erreicht werden, wenn die Kontrollmarke nicht zu ihrem offiziellen neuen Nennwert von 250 Rub., sondern mit einem lokalen neuen Nennwert von 10.000 Rub. gerechnet wurde (Total 47.500 Rub.).

Abb. 12: R-Postkarte Odessa nach Friedberg vom 11.04.1922, Frankatur 2 x 250 Rub. (offizieller Wert der Kontrollmarken) + 5000 Rub. + 22.500 Rub., amtliche Postgebühr 48.000 Rub.


Ein eingeschriebener Brief aus Odessa nach Liepaja, Lettland vom 24.4.1922 ist ein weiteres Beispiel für eine lokal andere Umwertung der Kontrollmarken (Abb. 13, [4]). Die Frankatur ist recht kompliziert: eine rot überdruckte Freimarke 5000/2 Rub. (MiNr. 172b), zwei Wolga-Hungerhilfemarken zu 250 (+ 250) Rub. (MiNr. 170d) und acht verschiedene Kontroll- oder Postsparmarken (4 x 25 Kop. Postsparmarke (MiNr. 127), 2 x 1 Rub. Kontrollmarke (MiNr. 132) und 2 x 10 Rub. Kontrollmarke (MiNr.135)). Rechnet man das Ganze durch, so wäre der Tarif von 60.000 Rub. für ein Auslandseinschreiben bei einer lokalen Umwertung der beiden Wolga-Hilfsmarken und der vier Postsparmarken auf je 2500 Rub. und der vier Kontrollmarken auf je 10.000 Rub. zu erreichen.

Abb. 13: R-Brief Odessa nach Liepaja vom 14.04.1922, Frankatur 8 x 250 Rub. (offizieller Wert der Postspar- und Kontrollmarken) + 2 x 250 Rub. (offizieller Wert der Wolga-Hungerhilfemarken)


Aus der Literatur [3] kennt man einen Einschreibebrief vom 22.04.1922 von Odessa nach Berlin, frankiert mit zwei Werten der Freimarke von 1922 zu 7500 Rub. (MiNr. 177) und einer Freimarke zu 22.500 Rub. (MiNr. 179) sowie einer Kontrollmarke, deren Nennwert in dem Originalartikel von J. Lee Schneidman nicht genannt wurde. Diese Kontrollmarke sollte auf diesem Beleg mit 22.500 Rub. gerechnet worden sein, um den 60.000 Rub.-Tarif zu bezahlen. Weiterhin gibt es einen Einschreibebrief vom 19.5.22 von Odessa nach Berlin (Sammlung Dr. Leupold; S. 33 in [5]). Die Frankatur besteht zum einen aus 50 Werten der 7500 Rub. auf 250 Rub., was ingesamt 375.000 Rub. ergibt. Die Differenz zum 400.000 Rub. Tarif wurde mit zehn 3 Rub. Kontrollmarken beglichen, die auf je 2500 Rub. umgewertet worden waren.

In Odessa wurden auch Freimarken der Ukraine mit Dreizack-Überdrucken umgewertet, wie auf dem Einschreibebrief von Odessa nach Berlin vom 12.5.1922 aus der Sammlung von Robert Taylor (Abb. 14). Für den 400.000 Rub.-Tarif wurden hier 40 Marken zu 1 Kop. mit Dreizack Typ Odessa 2 verwendet, die genau wie nicht überdruckte 1 Kop.-Marken im April 1922 auf je 10.000 Rub. umgewertet worden waren. Derartige Umwertungen von Ukraine-Marken kennt man aber nicht nur aus Odessa.

Man findet Umwertungen in Odessa auch noch zu späteren Zeitpunkten. So wurde die kaiserliche Wappenmarke zu 15 Kop. (MiNr. 71A) auf 15 Rub. umgewertet, wie dies auch im Nikolaew Gubernia passierte. Abb. 15 zeigt einen Einschreibebrief von Odessa nach Berlin vom 18.09.1922, bei dem sechs 15 Kop.-Marken den 90 Rub.-Tarif ergaben.



Abb. 14: R-Brief Odessa nach Berlin vom 12.05.1922, Frankatur 40 x 1 Kop. Freimarken mit Dreizack - Überdrucken, amtliche Postgebühr 400.000 Rub. (Sammlung R. Taylor).


Abb. 15: R-Brief Odessa nach Berlin vom 18.09.1922, Frankatur sechs x 15 Kop. kaiserliche Freimarken, amtliche Postgebühr 90 Rub.

Nominale und MiNr.
Ungefähres Datum
Umgewertet auf
100 Rub. (156)
2.22
1'000 Rub.
250 Rub. (158)
4.22
2'500 Rub.
Hungerhilfe 250+(250) Rub.(170d)
4.22
2'500 Rub.
Postsparmarke 25 Kop (127)
4.22
2'500 Rub.
Kontrollmarke 1 Rub. (132)
4.22
10'000 Rub.
Kontrollmarke 3 Rub. (133)
4.22
2'500 Rub.
Kontrollmarke 10 Rub. (135)
4.22
10'000 Rub.
15 Kop. (71A)
9.22
15 Rub. (1922)
Tabelle 3 Zusammenfassung der angenommenen Umwertungen in Odessa im Jahr 1922



Der Autor möchte sich bei Michael Kuhn, Martin Siegler, Robert Taylor, Valeri Tsyplakov und Randy Woodward dafür bedanken, Photos und Scans von Belegen aus ihren Sammlungen benutzen zu dürfen.

Literatur:
[1]Epstein, A.; Provisorische Verwendung von Briefmarken der RSFSR und des Kaiserreichs im Gebiet Odessa, 1922. DZRP 72 (2000) 10-16.
[2]Irmann-Jacobsen, H.; 1921 250 r Definitive Revalued - 1922. POCHTA 4 (1988) 36-38.
[3]Lee Schneidman, J.; An Aspect of Russian Postal Administration 1917-1923. Rossica 78 (1970) 7-47.
[4]34th Mail Auction of Postal Stationery and Postal History. Praha, 04.2011. Lot 2388.
[5]Edition d'Or; Band 24: Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik 1918-23 - Die Dr. Wolfgang Leupold Sammlung.