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letzte Änderung 8.5.2014
Die Expresspost (Speschnaja Potschta) in der UdSSR 1924-1938
von Dr. Ivo Steijn (Arcadia, USA)
übersetzt von Thomas Berger (Bern)

Speschnaja Potschta - wörtlich mit Spezielle Post zu übersetzen - nannte sich, was eigentlich die Expresspost in der Sowjetunion darstellte. Während diese Dienstleistung ab 1922 angeboten wurde, behandelt dieser Beitrag primär den Zeitraum ab dem 1. Januar 1924. Zu diesem Zeitpunkt war das Postsystem nach Bürgerkrieg und Inflation ausgereift, Tarife und Währungen waren stabil und die RSFSR sowie die anderen Sowjetrepubliken waren in der UdSSR aufgegangen. Der Expressdienst wurde im Februar 1938 abgeschafft, obwohl es auch noch später Postgut mit "Express"-Vermerken gibt. Hilfreiche Literatur stellen die Artikel von Taylor, Rollmann und Nagl dar [1-4].

Vorläufer:
Sibirischer Express und Koltschaks Express.
Aus der Zeit vor der Oktoberrevolution kennen wir mitunter Briefe mit einem Handstempel "Per Sibirischem Express" in Deutsch, Russisch oder zweisprachig. Alle mir bekannten Belege wurden in Wladiwostok aufgegeben und da es keinen Expressdienst der Post gab, scheint sich dieser Stempel auf Expresszüge entlang der Transsib zu beziehen. Ob dieser private Stempel irgendetwas bewirkte, ist unklar. Es scheint unwahrscheinlich, dass diese Briefe bevorzugt behandelt und mit Schnellzügen weitergeleitet wurden. Der erste richtige Expressdienst wurde im Oktober 1919 während der Regierung von General Koltschak im von weißen Truppen beherrschten Sibirien eingerichtet. Das Porto betrug das Dreifache des regulären Portos und Expresspost scheint nur im Inland möglich gewesen zu sein. Belege sind sehr selten - bis jetzt kennt man nur zwei [5]. Da eingeschriebene Inlandspost in Sibirien zu dieser Zeit oft bar bezahlt wurde, ist wahrscheinlich auch ein Grossteil der Expressbriefe nicht in den Sammlungen der Philatelisten gelandet, sondern in der Papiermühle.

Expressdienst während der RSFSR:
Speschnaja Potschta wurde in der RSFSR im September 1922 eingeführt. Sie wurde zunächst nur von Regierungsorganisationen und dann auch nur in wenigen Städten eingesetzt. Im Laufe des Jahres 1923 wurde der Expressdienst schrittweise ausgebaut, aber die galoppierende Inflation führte nur zu wenigen noch existierenden Expressbriefen der Jahre 1922-1923, zumal auch diese oft bar frankiert wurden. Im August 1923 wurde der Tarif für den Expressdienst auf 90 Goldkopeken festgelegt, wobei der Tarif in Rubel von 1923 (gleich 1'000.000 alte Rubel) erst wöchentlich, dann täglich festgelegt wurde. Diese undurchsichtige Periode endete erst am 1. Januar 1924, als sich die Währung und damit auch das Postsystem stabilisierte. Der Tarif wurde dann auf 60 Goldkopeken abgesenkt. Man muss erwähnen, dass dieser Dienst auch in der Transkaukasischen SFSR vor der Bildung der UdSSR möglich war. Bis jetzt kenne ich keine Belege aus der Weißrussischen oder Ukrainischen SSR.

Die Tarife ab Januar 1924:
Die Tarife der Expresspost sind detailliert in Taylor [1] zusammengefasst:
1. Januar 1924: 60 Kop. (Abb. 1)
1. August 1924: 70 Kop. (Abb. 2)
21. Dezember 1926: 68 Kop. (Abb. 3)
15. Juli 1928: 70 Kop. (Abb. 4)
1. August 1931: 80 Kop. (Abb. 5)

Ab Dezember 1926 war es zudem möglich, Postkarten per Express zu versenden. Die Tarife für die letzten drei Tarife betrugen dann 60, 65 bzw. 50 Kopeken (Abb. 6). Während der Jahre 1927 bis 1931 (Tarifperiode 3 & 4) entsprach der Expresstarif dem Tarif eines Einschreibens zuzüglich 50 Kopeken.
Der Tarif vom Dezember 1926 ist besonders verwirrend, da zudem weiter zwischen regulärer Expresspost (Tarife siehe oben) und Express per Flugpost unterschieden wird. Deren Tarife lagen noch einmal 15 Kopeken höher. Leider habe ich nur wenige bzw. keine Beispiele für derartige Luft-Expresspost finden können, obwohl es einige unklare Belege gibt, die in diese Kategorie fallen könnten. Der Fragenkomplex "Luftpost" wird weiter behandelt.
Abb. 1: 60 Kop.-Tarif vom Januar 1924; Moskau 21.6.1924
Abb. 2: 70 Kop.-Tarif vom August 1924; Samara 28.3.1925
Abb. 3: 68 Kop.-Tarif vom Dezember 1926; Nischni-Nowgorod 23.11.1927
Abb. 4: 70 Kop.-Tarif vom Juli 1928;
Telegraphenamt am Oktober-Bahnhof in Leningrad 20.4.1930
Abb. 5: 80 Kop.-Tarif vom August 1931; Leningrad 26.9.1935
Abb. 6: 65 Kop.-Postkartentarif vom Juli 1928; Kologriw, Kostroma Obl. 29.5.1929
Ungeklärt ist auch die Frage, ob Expresspost nur für Inlandssendungen gedacht war oder auch ins Ausland versendet werden konnte. Beispiele mit Auslandsdestinationen scheinen sehr selten zu sein und Rückschlüsse auf die Tarife sind schlecht möglich, aber sie sind normalerweise immer mit "Express" nicht mit "Speschnoje" gekennzeichnet. Um die Lage weiter zu komplizieren, wurde am 26. August 1932 ein spezieller "Express"-Tarif für Inlandspost eingeführt, aber dieser Tarif war identisch zu dem der "Speziellen" Post, so dass jeder Unterschied zwischen beiden Versandformen - so er je existiert haben mag - zumindest für Inlandsversand verschwand. Die Existenz und Entwicklung der Expresspost ins Ausland hingegen bleiben weiterhin ungelöste Fragen.

Frankaturen:
Nach der ersten Periode, die durch Barfrankaturen gekennzeichnet war, findet man die gleichen Möglichkeiten der Frankatur wie für andere Versandformen in der UdSSR:

Freimarken: Bis zur Tarifperiode von Juli 1928 gab es keine Freimarken, die den Expresstarif abdeckten. Insbesondere der 70 Kop.-Tarif der Jahre 1924 bis 1926 wurde häufig durch 30 Kop. und 40 Kop. Freimarken beglichen (siehe Abb. 2)

Sondermarken: Diese wurden erfreulicherweise nicht nur von Philatelisten, sondern auch von staatlichen und privaten Organisationen verwandt, da sie ja als Werkzeuge der Propaganda gedacht und zudem sehr attraktiv waren (Abb. 7). Es gab keine einzige Sondermarke, die den Tarif für Expresspost abglich, bis während der letzten Tarifperiode 1931 - 1938 verschiedene 80 Kop.-Sondermarken für Expresspost eingesetzt werden konnten.
Abb. 7: 80 Kop.-Tarif vom August 1931; Leningrad 30.3.1934, Frankatur 4x MiNr. 455


Maschinenstempel: Seltener als man annehmen mag, derartige Expressbriefe kann man aber mit etwas Glück finden.

"Porto auf Rechnung" Diese Dienstleistung war für Organisationen in größeren Städten möglich. Die Briefe wurden mit Handstempeln freigemacht, die den Begriff "Porto erhalten" oder ähnliche Formulierungen enthielten. Das Porto wurde dann über das Konto der Organisation abgerechnet. Diese Belege tragen natürlich keine Marken (Abb. 8) und zeichnen sich durch Handstempel aus, die diese Dienstleistung beschreiben, oft mit der Abkürzung "G.S.P." (Gorodskaja Sluschebnaja Potschta).
Abb. 8: Porto auf Rechnung; Berditschew 2.7.1929


Expressmarken: Die letzte und seltenste Frankaturmöglichkeit ist die korrekte Verwendung der 80 Kop.-"Express"-Marke (MiNr. 409) vom April 1932. Die 5 Kop. und 10 Kop.-Werte der gleichen Ausgabe haben nie als Expressmarken dienen können und wurden wahrscheinlich aus philatelistischen Gründen herausgegeben. Andrew Cronin, Robert Taylor und dem Autor gelang es nur fünf korrekte Express-Verwendungen dieser Marke zu finden. Der Zagorsky-Katalog 1999 bewertet solche Belege nur mit $75, und der Autor wäre glücklich, jeden angebotenen Beleg zu diesem Preis kaufen zu können (Abb. 9).
Abb. 9: 80 Kop.-Tarif vom August 1931; Leningrad 17.11.1932, Seltene Frankatur MiNr. 409




Express-Zettel und -Handstempel:
Hier kann man generell zwischen solchen Zetteln und Handstempeln unterscheiden, die die Versandform charakterisieren ("Nebenstempel") und solchen, die das Nummerieren des Beleges ermöglichen. Expresspost wurde genau wie Einschreiben oder Wertbriefe durchnummeriert und oft finden sich Zettel und Stempel, die man nicht von anderen Versendeformen kennt. Ab 1935 finden sich Zettel, die beide Funktionen vereinen, die "C"-Zettel (Typ 6).
Zettel kann man in drei große Gruppen einteilen: Nationale, regionale und rein lokale Typen. Eine Einteilung der nationalen Typen in sechs Gruppen erscheint mir sinnvoll, da sie sich in der gesamten UdSSR finden lassen:
Abb. 10:
Typ 1: Ein Überbleibsel der RSFSR, kleine Zettel, normalerweise rot auf weißem Papier, weder Nummer noch Ortsname, bekannt bis 1932.
Abb. 11:
Typ 2: Die UdSSR-Version von Typ 1, bekannt 1924-1934.
Abb. 12, Typ 3: Moskau
Abb. 13 Typ 3: Kokand Eisenbahnpostamt
Typ 3: Grosse Zettel, schwarz auf rosa Papier mit Ortsname und Nummer. Selten von Orten außerhalb Mos-kaus, aber es gibt sie. Bekannt 1924-1927.
Abb. 14 Typ 4:
Typ 4: Grosse Zettel, schwarz auf violettem oder rosa Papier, viel Platz für Eintragungen, weder Nummer noch Ortsname, häufig zurecht geschnitten. Bekannt 1924-1927.

Abb. 15
Typ 5: Zweisprachige "Narotschnym / Express" Zettel mit vie-len Unterty-pen, bekannt ab 1927.

Abb. 16 Typ 6, hier von Jerewan Armenien
Typ 6: Die "C"-Zettel, normalerweise in schwarz auf violettem Papier, bekannt 1935-1938.
Es gibt zwei Gruppen von "regionalen" Zetteln, die ich identifizieren konnte. Der erste Typ wurde in oder in der Nähe von Weißrussland zwi-schen 1924 und 1927 verwendet. Sie ähneln dem nationalen Typ 2, haben aber zusätzlichen Raum für die Eintragung der Nummer (Abb. 17).
Der zweite regionale Typ wurde in der Ukraine während der späten 1920er Jahre verwendet (Abb. 18). Er scheint selten zu sein.

Abb. 17 regional

Abb. 18 regional
Schlussendlich gibt es eine Vielzahl lokaler Typen, die anscheinend nur in jeweils einer Stadt verwendet wurden. Es gibt hier keinerlei Einschränkungen für die Vielfalt der Form und des Aufbaus (Abb. 19-24). Die vielen verschiedenen Handstempel, die als Ersatz für Zettel dienten, scheinen auch lokaler Herkunft zu sein. Besonders sammelwürdig sind die sogenannten "provisorischen" Zettel, oft nur ein Stück rosa Papier, auf das etwas gekritzelt oder mit einem Handstempel aufgetragen wurde (Abb. 19).

Abb. 19 Lokaler Zettel Batum 1932

Abb. 21: Lokaler Zettel Ust-Labinsk 1933

Abb. 20: Lokaler Zettel Astrachan 1931

Abb. 22: Lokaler Zettel Wladikawkas 1925

Abb. 23: Lokaler Zettel Omsk Bahnhof 1925

Abb. 25: "B"

Abb. 24: Lokaler Zettel Melitopol 1924
Schließlich gibt es ab 1927 Zettel, von sehr klein bis meist sehr groß, meist, aber nicht immer rosa mit einem einzelnen kyrillischen Buchstaben "B". Ihnen wurde verschiedene Bedeutungen zugeschrieben, von "Wozduschnaja" (Luft(post)) bis zu "Wokzal" (Bahnhof), aber es scheint jetzt sicher zu sein, dass es sich einfach um "Wnimanije" (Achtung) handelt (siehe [1]; Abb. 25).
Man muss sich klar sein, dass viele Vermerke und Stempel auf Expresspost durch den Absender aufgebracht wurden. Dies ist im Allgemeinen der Fall, wenn der Stempel nur den Vermerk "Speschnaja Potschta" trägt.

Poststempel:
Die Expresspost brachte eine neue Gruppe von Poststempeln hervor. Diese wurden aber später auch für gewöhnliche Post verwandt. Expresspost nach Moskau z. B. erhielt normalerweise rückseitig einen Ankunftsstempel der 5. Expeditija. Bis 1928 enthielt der Stempel häufig einen Verweis auf die G.S.P. (interne Postverwaltung), selbst bei ausreichender Frankatur. Ab 1928 wurden sowohl Ankunftsstempel der 6. wie auch der 5. Expeditija verwandt und ab 1931 tauchten Poststempel der 5. Expeditija auf, die explizit auf die Expresspost verwiesen (Abb. 26a,b). Eine neue Klasse von Poststempeln.
Abb. 26a: Moskau 5, 1933-1934
Abb. 26b: Moskau Exped Speschn, 1933-1934
Während der 1930er Jahre kamen derartige spezielle Expresspoststempel in Gebrauch, auch in kleinen Orten, von denen man nicht erwarten würde, dass sie ihre Stempel derart ausgeklügelt verwenden würden. Über diese Stempel ist wenig bekannt, ich kenne ca. ein Dutzend verschiedene Exemplare, aber es muss noch sehr viel unentdecktes Material geben (Abb. 27-28).
Abb. 27: Speschnoje Swerdlowsk 1935
Abb. 28: zweisprachiger Speschnaja Jalta Krim 1936
Abb. 29: Verwendung des Express-Stempels auf Postkarte ohne Express-Versand von Chorog in Tadschikistan

Luftpost oder nicht?
Eine wiederkehrende Frage zur Expresspost ist, ob diese Briefe ihren Weg oder Teile davon mit Luftpost transportiert wurden. Eine gute Frage. Wenn man die Laufzeit mancher Expresspostbelege ansieht, so muss man annehmen, das Luftpost im Spiel war. So erreichte im Jahr 1928 ein Expressbrief aus Kokschetaw in Kasachstan sein Ziel Moskau nur zwei Tage später. Andere Expressbelege hingegen brauchten zwölf Tage für eine ähnliche Strecke. Wollte man diese Frage an Hand der Laufzeit des vorhandenen Materials beantworten, so bräuchte man eine große Anzahl von Belegen, um die Variabilität z. B. durch verschiedene Wetterbedingungen oder durch Verbesserungen im Laufe der Jahre ausgleichen zu können. Aber selbst zwischen den beiden gängigsten Städten - Moskau und Leningrad - war es dem Autor unmöglich, mehr als eine Handvoll von Belegen pro Jahr zusammenzutragen. Hier ist definitiv nur die Forschung im Archiv aussagekräftig.
Interessanterweise gibt es zwei der Expresspost Belege von Leningrad aus dem Jahr 1935, die definitiv nicht mit Luftpost transportiert wurden. Beide tragen rückseitig einen interessanten Handstempel, der belegt, dass diese beiden Belege mit dem Zug Nr. 1 von Leningrad, ab 0:30 Uhr transportiert wurden. Wie es häufig vorkommt, so sind auch diese beiden seltenen Handstempel von verschiedenem Typ (Abb. 30, 31).
Abb. 30 Handstempel aus Leningrad
Abb. 31 Handstempel aus Leningrad

Abb. 30, 31: Die einzigen beiden Handstempel, beide aus Leningrad, die anzeigen, dass diese Expressbelege auf einen frühen Zug verladen wurden.

Zusammenfassung:
Expressbelege sind ein faszinierender Bereich der sowjetischen Postgeschichte mit wunderbaren Frankaturen, interessanten Zetteln und Handstempeln, seltenen Poststempeln und vielen kleinen und großen Geheimnissen, die es zu lüften gilt. Mir ist nicht klar, warum sich nicht mehr Sammler dafür interessieren, aber ich bin recht froh, dieser kleinen Minderheit anzugehören.



Literatur:
[1] Taylor, Robert: "Soviet Express Post and sendings of Importance". The Post-Rider 53 (November 2003) 53-58.
[2] Taylor, Robert (und Koautoren): "Soviet Express Post and sendings of Importance (II)". The Post-Rider 54 (Januar 2004) 67-88.
[3] Rollmann, Werner: "Eilpost zu Sowjetzeiten". Mitteilungen des Vereins der Briefmarkenfreunde Russland/UdSSR 1 (2012).
[4] Nagl, Wilfried: "СПЕШНОЕ EILPOST - EILBOTEN - EXPRESS - НАРОЧЫМ EXPRES- "В" (НИМАНИЕ) - LUFTPOST - BAHNPOST - INFLATION". Auktionskatalog Nr. 4 (1996).
[5] http://actsofrandomphilately.blogspot.ch/2012/12/kolchaks-express.html